18.03.2008 – Redakteur: Jan
Seite: 1 | Fazit
Es gibt Bücher, deren Geschichten kennt man einfach. Entweder hat man den Roman selbst in jungen Jahren gelesen oder es gibt eine oder gar mehrere Verfilmungen des Stoffes. Neben den Herr der Ringe-Büchern oder dem Graf von Monte Christo gehört auch Die Schatzinsel in diese Rubrik. 1883 vom Engländer Robert Luis Stevenson geschrieben, ist das Abenteuerbuch über eine spannende Schatzsuche zum Zeitalter der Piraten weltbekannt geworden. In dem neuen Adventure Treasure Island der deutschen Entwickler von Radeon Labs erlebt ihr die Story nochmals und schlüpft dabei in die Rolle des Helden Jim Hawkins. Der Junge gelangt über einen Zufall in den Besitz einer Schatzkarte und trifft die richtigen (oder doch falschen?) Männer, die eine Expedition zur Schatzinsel ermöglichen.
Vom Finden der Schatzkarte über das Anheuern der Crew bis hin zum Finale auf der Schatzinsel - das Spiel lässt keine Höhepunkte der Romanvorlage aus und hält sich recht eng an das geschriebene Wort, dichtet aber an mancher Stelle auch ein wenig dazu. Zu den Schauplätzen zählt das Gasthaus von Jim´s Vater, die Hafenstadt Bristol, das große Segelschiff und schließlich die Insel selbst. Leider hetzt das Spiel ein wenig durch die Schauplätze und die Geschichte. Jede Location besteht meist nur aus wenigen Bildschirmen bzw. Bereichen, so dass ihr euch ziemlich eingeengt fühlt. Bei der Story braucht ihr zwar nicht die Gefahr zu haben, ohne Kenntnis des Buches etwas zu verpassen, doch wir hätten uns schon eine etwas umfangreichere Umsetzung gewünscht. Letztlich bleibt nämlich auch die Spielzeit von Treasure Island auf der Strecke. Wir hatten das Spiel locker in fünf Stunden durchgezockt, was selbst heutzutage für ein Vollpreisadventure einfach zu wenig ist.
Treasure Island versteht sich als klassisches Point&Click-Adventure, wobei ihr den Helden in einer 3D-Grafik per Mausklicks durch die Schauplätze lenkt. Nicht immer arbeitet die Steuerung ganz genau, gerade das Laufen nach vorne in den Bildschirm herein kostet immer wieder etwas Nerven, auch das Besteigen von Leitern und Treppen nimmt Jim zu langsam in Angriff. Immerhin verlasst ihr den aktuellen Screen per Doppelklick und einzelne Satzpassagen dürft ihr fast immer ebenfalls überspringen. Im unteren Bildschirmbereich ist das Inventar eingeblendet, wo ihr diverse gefundene Gegenstände nochmals betrachten oder mit anderen Objekten kombinieren dürft. Damit ihr in den Umgebungen nicht ewig nach einem Stück Käse oder einer Wasserschöpfkelle Ausschau halten müsst, werden euch per Leertastendruck alle interessanten Gegenstände auf dem Bildschirm kurz angezeigt.
Die Rätsel bewegen sich im typischen Adventurerahmen. Meist läuft es auf das Aufspüren und Benutzen von Objekten heraus, etwa wenn ihr dem Schiffskoch drei Zutaten bringen sollt, damit dieser einen Trank gegen Seekrankheit brauen kann. Während ihr für das Grünzeug einfach ein paar Algen aus dem Wasser fischt, ist die Fleischzutat schon schwieriger zu bekommen. Zum Glück ist im Lager ein blinder Passagier an Bord, mit etwas handwerklichem Geschick bastelt Jim aus Eimer, Essensresten und einem Strick eine Rattenfalle. Klares Plus der Rätsel ist, dass sie sich gut in den Spielablauf einfügen und nur selten aufgesetzt wirken. Manche Knobeleien verlangen von euch auch das Finden des richtigen Weges im Urwald (sehr öde) oder ihr müsst in den Dialogen die richtigen Antworten geben. Alles in allem sind die Herausforderungen in Treasure Island nicht sonderlich schwer, das Spiel richtet sich merklich eher an Gelegenheitsspieler als an Adventureprofis. Auch das ist ein Grund, warum das Abenteuer schon nach fünf Stunden vorbei ist, einen Wiederspielwert besitzt der Titel nicht.
Die Grafik-Engine von Treasure Island stammt aus dem kommenden Rollenspiel Drakensang, das Adventure ist quasi ein Probelauf oder Abfallprodukt, je nach Sichtweise. Auf den ersten Blick sieht die Optik für ein Adventure bahnbrechend aus, zumindest auf den Presse-Screens scheint Treasure Island ebenso toll auszusehen wie das Xbox 360-Piratenabeteuer zum letzten Fluch der Karibik-Streifen. Leider täuscht der erste Eindruck aber, denn in Bewegung verliert die Grafik schnell ihren Charme. Zum einen erscheinen uns die Animationen der Charaktere etwas zu holperig, wohingegen die Gesichter durchaus zu gefallen wissen. Weitaus schlimmer wiegt aber die Tatsache, dass das Spiel keine Auflösungen jenseits von 1280x1024 Bildpunkten unterstützt, das mag bei einem Comicadventure ausreichen, bei einer anspruchsvollen 3D-Grafik aber eben nicht. Dazu kommt, dass Treasure Island zumindest auf unserem Test-PC mit einer Nvidia Grafikkarte keine Kantenglättung zuließ. Die Folge sind flimmernde Flächen und Kanten, alles wirkt etwas zu unscharf und unruhig, das Gesamtempfinden wird hierdurch unserer Meinung nach stark geschmälert.
Insgesamt macht die Grafik eher den Eindruck, als dass die Entwickler ihr Niveau absichtlich heruntergeregelt hätten, vielleicht um niedrigere Hardwareanforderungen zu erreichen. Leider macht eine 3D-Grafik mit niedrigeren Details und dadurch auch stellenweise mauen Texturen einfach nichts her, es fehlt ihr jeglicher Reiz, den ein Adventure wie Geheimakte Tunguska mit einfacheren Mittel erreicht. Einige Schauplätze in Treasure Island sind aber dennoch für ein Adventure recht hübsch gelungen, gerade die Lichteffekte an Bord des Schiffes. Zumindest bei der Sprache ist der Sound gelungen. Die deutschen Sprecher der einzelnen Rollen wurden gut besetzt, so dass man den vielen Gesprächen gerne folgt. Etwas mehr hätte man aber aus dem Soundtrack herausholen können, der sehr still bleibt. Ein wenig mehr Abenteuerfeeling hätte es hier schon geben dürfen.
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